Kinder im Viertel ...

13.02.2011, 12:04 von Roberto Graf

Sa, 22. Jan. 2011
Aachener Zeitung - Stadt / Lokales / Seite 17

„Kinder im Viertel dürfen nicht die Dummen sein“

Im Samstagsinterview: Petra Savelsbergh kümmert sich mit ihrem Förderverein um die Jugend im Stadtteil Rothe Erde. Düppelstraße 2011 Schwerpunkt.

Von Hans-Peter Leisten

Aachen. Sie spricht von Sinngebung und Freude am Engagement. Petra Savelsbergh wählt diese Worte bewusst, als sie von ihrer Arbeit für den „Verein zur Förderung der Kinder und Jugendlichen im Stadtteil Aachen, Rothe Erde“ erzählt. Zunächst wollte sie ein wenig mithelfen, seit über einem Jahr ist sie jetzt Vorsitzende des Vereins, der sich um Kinder und Jugendliche kümmert, die nicht unbedingt im Sonnenviertel Aachens groß werden. „Sie haben die gleichen Chance verdient wie ihre Altersgenossen in anderen Stadtteilen“, sagt sie. Wie sie mithelfen will, diese Chancengleichheit ein Stück zu realisieren, schildert sie im AZ-Samstagsinterview.

Sie leben nicht in Rothe Erde, arbeiten dort nicht. Eigentlich könnte Ihnen der Stadtteil doch egal sein? Savelsbergh: Könnte. Aber ich bin in normalen Verhältnissen groß geworden und habe bislang im Leben Glück gehabt. Und mein Mann und ich wollen einfach etwas zurückgeben.

Und wie sind Sie im Stadtteil Rothe Erde gelandet? Savelsbergh: Mein Mann ist im Kiwanis-Club engagiert, und über diese Schiene haben wir Uschi Brammertz – damals Vorsitzende des Fördervereins Rothe Erde – kennen gelernt. Als ich mir dann die Situation vieler Kinder und Jugendlicher vor Ort angesehen habe, hatte ich direkt einen Kloß im Hals: Oft gab es in den Familien keine Waschmaschine und keinen Herd, oft hatten die Kinder richtig Hunger. Wir sind dann zunächst Mitglieder im Förderverein geworden, haben das Frühstücksprojekt unterstützt und mein Mann hat in der Kita Barbarastraße als Nikolaus die Kinder überrascht. Ein sanfter Einstieg.

Was hat sie zur Übernahme des Vorsitzes veranlasst? Savelsbergh: Meine Vorgängerin hatte verschiedene Gründe, das Amt abzugeben. Wir haben dann in der Familie beraten, denn die Familie sollte ein Engagement mittragen. Meine Tochter hat gesagt: „Mama, Du kannst das.“ Im Dezember 2009 bin ich dann für vier Jahre gewählt worden. Ich bin davon überzeugt, dass man Dinge im Unterbewusstsein „bestellen“ kann. Der Förderverein ist quasi zu uns gekommen.

Haben Sie den Eindruck, dass man vom Stadtteilerneuerungsprogramm Aachen-Ost nachhaltig etwas im Jugendbereich merkt? Savelsbergh: Es reicht nicht, einen Stadtteil nur durch Programme zu verschönern. Man muss den Menschen helfen, dann geht es auch einem Stadtteil gut. Ich sehe aber ehrlich gesagt wenig Veränderung. Man sollte lieber die Spielplätze sauber halten, als Fassaden mit Bildern zu verschönern. Wir haben eine Säuberungsaktion initiiert. Hier ging es nicht nur darum, Müll zu entsorgen, sondern auch den Blick fürs eigene Viertel zu schärfen.

Das Viertel hat aber offensichtlich auch ein Image-Problem? Savelsbergh: Warum eigentlich? Rothe-Erde hatte eine lange Tradition als Viertel mit vielen Arbeitsplätzen. Die Industrie ist aber weitgehend weggebrochen. Das hat zur Folge, dass viele Sozialbauten heruntergekommen sind. Hier könnte die Stadt eine Menge tun. Aber vom schönen Eilendorf trennt Rothe Erde nur eine Kreuzung. Ich verstehe die Scheu nicht, hier etwas zu tun. Zum Glück gibt es Menschen wie den Geschäftsführer der Stiftung Marienhospital, Rolf-Leonhard Haugrund, und Honorarkonsul Hans-Josef Thouet, die sich engagieren.

Wie entwickelt sich der Förderverein? Savelsbergh: Als ich den Verein übernommen habe, hatte er elf Mitglieder, heute nach gut einem Jahr sind es rund 70. Inzwischen brauchen wir zur korrekten Vereinsführung einen Steuerberater. Aber der kostet auch wieder Geld, das dann bei der sozialen Arbeit fehlt. Vielleicht findet sich ja jemand, der uns hilft.

Wo kann Ihr Verein Unterstützung gebrauchen? Savelsbergh: Mir kommt es darauf an, die Menschen für unsere Idee zu begeistern: Die Kinder müssen uns etwas wert sein. Viele Menschen rufen inzwischen an und fragen, was sie tun können. Manche wollen anonym bleiben und nur etwas spenden. Man kann bei unseren Projekten aktiv und passiv mitarbeiten. Andere wollen konkret mitarbeiten. Übrigens: Eine Jahresmitgliedschaft kostet 12 Euro. . .

Welche Projekte werden konkret umgesetzt? Savelsbergh: Schon lange gibt es das Frühstücksprojekt in der Barbarastraße. Hier treffen sich Frauen und bereiten für unversorgte Kinder in den Einrichtungen an der Barbarastraße ein Frühstück zu. In Kindertagesstätten werden Musikprojekte umgesetzt. Musik schult bekanntermaßen auch die mathematischen Fähigkeiten. Wir wollen die Kinder bei der Bildung an die Hand nehmen, ihnen zum Beispiel auch bei der Sprachbildung eine Alternative bieten.

Haben Sie weitere Beispiele? Savelsbergh: Ein weiterer Schwerpunkt soll die Bewegungsförderung sein. Viele Kinder in diesem Stadtteil sind bewegungsarm, haben Probleme, einen Hügel hinaufzulaufen. Sie sitzen zu viel vor dem Fernseher. Hier unterstützen wir einen Bewegungspädagogen, der nicht von der öffentlichen Hand bezahlt wird. Eine Alternative in diesem Bereich wäre, das eigene Personal in den Einrichtungen zu schulen – aber auch das kostet Geld. Sportpatenschaften sind ideal, Sport ist für unsere Kinder extrem wichtig. Aber bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass es im Grunde hier im Viertel nur den Sportverein BC Rhenania Rothe Erde gibt. Das reicht vor allem für die Mädchen nicht. Es fehlt zum Beispiel ein Tanz- und Turnangebot.

Kann man angesichts des hohen Migrantenanteils Identifikation mit dem Viertel erzeugen? Savelsbergh: Nehmen wir zum Beispiel unser Frühstücksprojekt. Das ist zugleich ein Integrationsprojekt. Die Frauen stammen aus vielen verschiedenen Ländern, müssen aber, um sich zu verständigen, Deutsch sprechen. Sie müssen zudem eine qualifizierte Hygieneprüfung ablegen, das macht sie ein bisschen stolz.

Außerdem gibt es bei uns einen Talente Bazar, in dem sich alle mit ihren Fähigkeiten einbringen können. Menschen aus Schwarzafrika genauso wie aus Russland. Hier werden gemeinsam Handarbeiten ausgeführt. Es gibt die Idee, Geschichten vorzulesen. Das alles fördert die Sprachkenntnisse. Eltern und Mütter müssen mit ins Boot genommen werden.

Wie fällt Ihr persönliches Fazit nach gut einem Jahr Vorsitz aus? Savelsbergh: Die Arbeit ist für mich ein Stück Sinngebung. Ich bereue die Übernahme des Vorsitzes mit keiner Faser und freue mich auf die – mindestens – nächsten drei Jahre.

Gibt es einen Schwerpunkt für Ihr Förderengagement im Jahr 2011? Savelsbergh: Einen ganz konkreten – die Düppelstraße. Auch hier hat mein Mann im letzten Dezember in der Kita den Nikolaus gespielt. Die Kinder haben so etwas zum ersten Mal erlebt, Sie hätten mal die glänzenden Augen sehen sollen. Aber das kann ja nicht alles sein. Das Personal ist unheimlich engagiert, aber es fehlt massiv an pädagogischem Material – letztlich also wieder an Geld. Und dort kommt kein eigener Förderverein zustande. Auch wenn die Düppelstraße nicht zu Rothe Erde gehört, wollen wir uns da engagieren. Es fehlt an Personal und Strukturen.

Und die Kinder sind wieder die Dummen? Savelsbergh: Natürlich, auch wenn die Kinder alles andere als dumm sind. Aber wie soll hier Bildung entstehen? Wissen und Lernbereitschaft kann man spielerisch bereits früh vermitteln – nicht erst in der Grundschule.

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